Der Test auf Menschlichkeit

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Ikonen der Menschlichkeit wie etwa ein Oskar Schindler, Berthold Beitz und Nelson Mandela haben mich seit jeher fasziniert. Sich selbst unter widrigsten Umständen für seine Mitmenschen einzusetzen… das ist etwas, für das ich lange Zeit meinen Hut gezogen hätte.

Würde ich das heute auch noch tun…?

Nein…

Heute würde ich mich tief verneigen, mich von der Ehrfurcht erfassen lassen und hinterfragen, was mir zu solch einer (immer) Standhaftigkeit noch fehlt.

Der Grund:

Das Leben hat mich getestet. Nun weiß ich, dass ich in Sachen Menschlichkeit noch viel lernen darf.


Hier nun also meine Geschichte:

Ich war als Backpacker in Südamerika unterwegs. Im Norden Chiles angekommen hieß die nächste Station: Salar de Uyuni in Bolivien. Die größte Salzwüste der Welt… das ist natürlich ein Highlight.

Ein noch größeres Highlight ist allerdings der Weg dorthin… vorbei an Mondlandschaften, Geysiren und sonderbaren Felsformationen. All das wollte ich natürlich mitnehmen und steuerte das nächste Reisebüro an.

Mein Blut juckte. Ich freute mich auf das Abenteuer.

Vor dem Reisebüro lernte ich 2 Kroaten und 2 Brasilianer kennen. Wir verstanden uns gleich prächtig. Für die Tour musste man sich einen Jeep mit Fahrer buchen. Für Fünfer-Gruppen gab es den günstigsten Preis.

Uns allen war sofort klar:

Wir machen das zusammen. Da gab es überhaupt nichts zu überlegen!

Los gings. Die Brasilianer sorgten für die Unterhaltung. Unser Fahrer Rubens, den wir fortan nur noch Barichello nannten, gab uns den nötigen Adrenalin-Kick. Er fuhr wie eine gesenkte Sau. Er wusste jedoch, was er tat.

Die ersten Highlights ließen nicht lange auf sich warten. So ein Geysir, der Dampf 15m hoch pustet, ist schon beeindrucken. Drum herum bluberte in zahlreichen Löchern eine graue Suppe. Es stank nach faulen Eiern.

Sehr beeindruckend alles. Aber irgendwie war mir ein wenig schwindelig. Irgendetwas stimmte nicht so ganz. Aber was solls… Sorgen kann ich mir später machen. Hier ist es einfach nur gigantisch.

Die Brasilien und einer der Kroaten waren ebenfalls ganz außer sich. Man hatten wir einen Spaß.

Der andere Kroate ging es ziemlich gelassen an. Er sah aus wie Vin Diesel in Bestform und hatte auch dessen Haarschnitt. Wie ein Cowboy saß er da mit dem Jeep-Reifen als Rückenlehne und schaute sich das Geschehen ganz lässig aus der Ferne an.

Komischer Kautz… dachte ich mir. Naja… jeder genießt eben anders.

Es folgten weitere Sehenswürdigkeiten. Und jedes Mal als ich aus dem Jeep ausstieg, war mir irgendwie komisch.

Hmmm… wir sind eh bald beim ersten Hostel. Da gibts was zu Essen, danach ist sicherlich wieder besser…

So ganz falsch sollte ich mit meiner Annahme nicht liegen. Essen schmeckte gut. Mit mir war alles in Ordnung (dachte ich). Die Brasilianer schienen ihren Humor ein wenig zu verlieren. Ihre Stimmung war noch gut, aber sie wirkten ein wenig müde.

Vin Diesel wurde wieder komisch. Statt zu essen, wollte er lieber schlafen.

Als wir nach dem Essen in den Schlafsaal gingen, um unser „Nachtlager“ einzurichten, war Vin nicht in seinem Bett.

Wir suchten ihn. Der andere Kroate fand ihn auf der Toilette. Er gab uns zu verstehen, dass Vin ein wenig übel sei. Kein Grund zur Sorge….

Zwei Stunden später war Vin immer noch auf der Toilette. Komisch….

Ich fragte ihn, wie es ihm geht. Er versuchte mir zu antworten, konnte es aber nicht mehr. Unter größter Mühe brachte er noch ein paar Worte auf Kroatisch heraus.

Gar nicht gut… Als ich seine Zunge sah… erschrak ich. Sie war total weiß belegt. Ein klares Zeichen von Dehydration.

Wir gaben ihm etwas zu trinken. Kaum hatte er das Wasser getrunken, war es schon wieder draußen. Hmm…

Vin wollte wieder schlafen gehen. Er kniete vor der Toilette und war und war nicht mehr in der Lage, sich aufzurichten. Wir halfen ihm hoch. Gehen konnte er auch nicht mehr.

Wir schulterten ihn zu zweit und brachten ihn in sein Bett. Alles gut… wird schon wieder. Niemand von uns machte sich auch nur den geringsten Gedanken.

Bis zum Sonnenuntergang waren es noch vier Stunden. Draußen war es schön, also wollte ich noch eine kleine Wanderung machen und die tolle Natur fotografieren.

Irgendetwas war komisch. Ich fühlte mich wie ein alter Mann. Obwohl das Gelände relativ flach war, brauchte ich alle paar Minuten eine Verschnaufpause. Und da war auch wieder dieser eigenartige Schwindel.

Kehrst Du mal besser um…

Kaum war ich im Hostel, wartete unser Fahrer Rubens schon auf mich. Er wollte von mir wissen, was wir mit Vin machen. Ich hatte keine Ahnung… ich konnte nicht mal recht darüber nachdenken.

Wir trommelten die Gruppe zusammen. Rubens ließ uns Wissen, dass wir in ein anderes, 900m tiefer gelegenes Hostel fahren und dort übernachten könnten. Allerdings würden wir dann auf unserer Tour nicht mehr diesen tollen Felsen sehen.

Hmmm…. der Felsen-Baum war eines DER Highlights auf der Tour. Keiner von uns wollte sich diesen wirklich entgehen lassen. Stille herrschte… Niemand von uns wollte sich äußern….

Rubens wusste sich kaum noch zu helfen. Er schaute mich an und wollte eine Entscheidung.

Moment mal… hat Rubens da gerade 900m tiefer gesagt…?

Das war so ziemlich der einzige Gedanke, der durch mein Hirn ratterte. Andere Gedanken gab es nicht. Mein Hirn war ziemlich leer.

Ja. Wir sind auf 4.500m Höhe. Das andere Hostel ist auf 3.600m und es gibt auch ein Krankenhaus mit Sauerstoffversorgung in der Nähe… ließ mich Rubens wissen.

Aha… dachte ich so bei mir. Mich berührte das Ganze so gut wie gar nicht. Ich war mir meiner Emotionslosigkeit nicht einmal bewusst. Ein kleiner Teil meines Hirns schien dennoch irgendwie zu arbeiten.

Vin könnte sterben. Das ist nicht gut…. funkte mein Hirn.

Ich erklärte den anderen, dass wir den Felsen-Baum alle gern sehen wollen, aber dass Vin sterben könnte. Keine Emotionen… nicht bei mir nicht bei den anderen…

Es könnte sein, dass wir das alle mal bereuen könnten… fuhr ich fort.

Wie durch ein Wunder packten alle sofort ihre Sachen zusammen und stiegen in den Jeep ein. Keine Diskussionen, keine Worte. Nicht, außer Stille….

Rubens fuhr wie ein Berserker… er steuerte den Jeep, als ginge es auch um sein Leben.

Vin gab per Handzeichen zu verstehen, dass er sich übergeben müsse. Rubens hielt sofort an.

Er wollte das Fenster herunterkurbeln. Ging nicht. Also Tür auf und abschnallen. Kaum hatte er das getan, fiel er aus dem Jeep direkt auf dem Boden.

AUFGERISSENE AUGEN, BLANKES ENTSETZEN

Nun verstand jeder von, wie ernst die Situation war. Hat sicherlich auch daran gelegen, dass wir bereits ein paar hundert Höhenmeter tiefer waren und unsere Hirne wieder etwas mehr Sauerstoff bekamen.

Verdammt nochmal… das hätte richtig ins Auge gehen können.

Rubens lieferten vier von uns im Hostel ab. Vin brachte er ins Krankenhaus.

Am nächsten Morgen saßen wir zu viert am Frühstückstisch. Betretene Stille. Jeder von uns wusste, dass er um Haaresbreite für ein schlimmes Schicksal mitverantwortlich gewesen wäre. Wie konnte es nur so weit kommen…?

Die Tür zum Frühstücksraum öffnet sich. Schwachen Schrittes tritt ein Mann mit der Gestalt eines Vin Diesels in den Raum.

Wie geht’s Euch Jungs…? fragt er uns mit einem erschöpften aber dennoch frohen Lächeln.

Freudentränen, Umarmungen, Erleichterung…

Glück gehabt… nochmal gut gegangen.


Dank dieses Erlebnis habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie schwer es sein kann, Menschlichkeit wirklich zu leben.

Bei Sonnenschein kann jeder lachen und nett sein. Aber… was ist, wenn es mal nicht so gut für einen läuft…? Wenn man gerade massiv unter Stress steht, vielleicht nicht mehr ganz Herr seiner selbst ist… das Hirn nicht mehr genug Sauerstoff bekommt…?

Kann man dann immer noch die Menschlichkeit zeigen, die man an anderen so sehr bewundert….?

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