Die 8 Phasen der Heilung von emotionalen Missbrauch

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Die Heilung von emotionalem Missbrauch folgt keinem geradlinigen Ablaufplan. Allerdings gibt es typische Phasen, die jedes Opfer durchläuft. Auch wenn die Phasen auf einander aufbauen, durchläuft sie so gut wie niemand geradlinig. Gerade zum Ende hin ist ein Hin- und Herspringen in vorige Phasen nicht unüblich. Willkommen in der kunterbunten Welt der Emotionen…

1. Leugnen

Ganz zu Anfang wollen die meisten Betroffenen den ihnen widerfahrenen Missbrauch noch gar nicht so richtig wahrhaben. Ja, die Demütigungen haben weh getan, aber der andere konnte vielleicht nicht anders, hat sich nichts dabei gedacht… oder noch schlimmer: man hat es ja nicht besser verdient.

Hinter all den Rechtfertigungen und Entschuldigungen steckt letztlich der Versuch, den angerichteten Schaden zu verdrängen. Vielleicht wird das noch für eine Weile funktionieren. Aber mach Dich darauf gefasst: Das Schlimmste kommt noch.

Missbrauch verschwindet nicht dadurch, dass man ihn leugnet und seine Schmerzen unterdrückt. Für den Moment mag man zwar seine Ruhe haben. Doch all das Unterdrücken erzeugt einen innerlichen Gegendruck.

Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann Dich all Dein Leugnen innerlich zerreißen wird und Du in eine Krise rutschst. Also schnall Dich schonmal an für die nächste Phase.

2. Emotionale Krise

Deine Welt bricht zusammen, Du fühlst Dich komplett ausgehöhlt und leer. Spätestens jetzt ist Dir klar, welch Ausmaß der Missbrauch bei Dir hat und wie sehr Du wirklich verletzt worden bist.

Du hast keine Kraft mehr, das Geschehene weiter zu unterdrücken. Es fühlt sich an, als hätte man Dir den Boden unter den Füßen weggerissen. All die über Jahre unterdrückten Emotionen kommen reißen Dich wie ein Tsunami um und lösen ein Gefühlschaos in Dir aus. Es ist wie ein Ritt auf der Achterbahn. Du weißt gar nicht mehr, wo Dir der Kopf steht.

Auch wenn Dein Schmerz unendlich scheint, so kann ich Dir aus eigener Erfahrung versichern, dass diese Phase recht kurz sein wird. Was so schmerzt ist letztlich die schlagartige Erkenntnis, dass Du missbraucht worden bist. Mit den Wunden selbst hast Du bisher irgendwie leben können. Sie sind durch Deine Erkenntnis nicht schlimmer geworden.

In dieser Phase kannst Du noch nicht viel tun. Sorg dafür, dass Du Dich gesund ernährst und Dinge tust, die gut für Deine Seele sind. Das können Spaziergänge in der Natur, ein warmes Schaumbad oder einfach mal faul auf der Couch liegen sein. Wichtig ist, dass Du zur Ruhe kommst und damit die Grundlage schaffst, Deine Krise zu verarbeiten.

Mach Dir keine Sorgen, wenn Du auf einmal eine massive Überempfindlichkeit bei Dir feststellen solltest. Das liegt schlichtweg an Deinen nun offenen liegenden Wunden. Deine Frühwarnsystem sind nun Hyperaktiv und sehen selbst dort Gefahren, wo gar keine sind.

3. Feilschen

Nachdem sich Deine emotionalen Wogen halbwegs geglättet haben, kommt die Frage nach dem Warum. Du willst verstehen, wie all der Missbrauch geschehen konnte. Dein Hirn sucht nach logischen Zusammenhängen und verfängt sich in Was-Wäre-Wenn Gedankenschleifen.

Dabei ist es typisch, dass Opfer von emotionalen Missbrauch die Schuld bei sich suchen. Letztlich verbirgt sich dahinter, den Missbrauch rechtfertigen zu wollen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber für Missbrauch gibt es nunmal keine Rechtfertigung. Egal, was Du gemacht hast, nichts davon ist ein Grund für Missbrauch.

Du wirst mit Deiner Heilung erst dann voranschreiten können, wenn Du erkennst, dass der Missbrauch nichts mit Dir und Deinem Wert als menschliches Wesen zu tun hat. Um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Der Missbrauch war nicht Dein Fehler!

4. Wut

Mit der Erkenntnis, dass Dich keine Schuld trifft, wird Wut in Dir aufkeimen. Denn, wenn Du es nicht warst, muss ja jemand anders die Schuld tragen. Deine Wut wird sich aber nicht nur auf den Täter richten. Sie kann sich durchaus auch auf all jene Menschen richten, die Dich damals hätten beschützen können.

Wut ist eine sehr mächtige Emotionen. Sie will heraus und verarbeitet werden. Unter anderem wirst Du dies an einem gesteigerten Mitteilungsbedürfnis erkennen. Du willst, dass die Welt Dich versteht und auf dieses für Dich so wichtige Thema aufmerksam wird.

Für manch einen wird das Missbrauchs-Thema derart dominant, dass er sich schwer tut, davon loszulassen. Es kann daher durchaus vorkommen, dass diese Phase viel länger als gedacht andauern wird.

Wut kann maßgeblich zur Beschleunigung des Heilprozesses beitragen. In die richtige Bahnen gelenkt, ist sie eine der stärksten Waffen überhaupt. Sie gibt Dir Energie, Kraft, Ausdauer, Durchsetzungsvermögen und Fokus.

Richtet Du die Wut jedoch gegen Dich, sorgt sie für Depressionen, Selbstsabotage bis hin zum Substanzmissbrauch. Unterschätze also nicht ihre Kraft. Das gilt auch, wenn Du sie unbewusst gegen andere richtest. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Du von Deinem Umfeld auf Teufel komm heraus verstanden und getröstet werden willst.

Nicht jeder wird Deinen Schmerz nachvollziehen können und sich entsprechend vor den Kopf gestoßen fühlen. Statt also andere massiv mit Deinen Problemen zu konfrontieren, ist es sinnvoller, Deine wertvolle Zeit in Deine Trauma-Aufarbeitung zu stecken.

Glücklicherweise gibt es heutzutage viele professionelle Hilfsangebote. Hinzu kommt, dass emotionaler Missbrauch weit häufiger vorkommt, als den meisten bewusst ist. Es wird eben nicht drüber gesprochen, sondern eher darüber geschrieben.

5. Trauer

Angetrieben von Deiner Wut, wirst Du all die Geschehnisse Revue passiert haben lassen. Dabei wirst Du feststellen, dass Du durch den emotionalen Missbrauch viele schöne Jahre verloren hast. Deine Vergangenheit kann Dir niemand zurückbringen.

Bei dieser Erkenntnis ist es wichtig, dass Du Abschied von Deiner Vergangenheit nimmst und Deine Trauer über die Verluste verarbeitest. Nur so wird es Dir gelingen, Dich von Deiner Vergangenheit zu verabschieden und Dein Leben wieder weiter leben zu können.

So wichtig diese Phase auch ist, solltest Du sehr darauf achten, nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Ja, Dich trifft beim erfahrenen emotionalen Missbrauch keine Schuld. Aber niemand kann die Geschehnisse rückgängig machen. Lass daher all Deinen Schmerz raus und finde einen Abschied von Deinem vergangenen Leid.

6. Akzeptanz

In dieser Phase der Heilung von emotionalen Missbrauch geht es nicht um Vergebung, sondern einzig und allein um Akzeptanz. Wie oben bereits erwähnt, Du kannst die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Du kannst aber akzeptieren, dass die Dinge passiert sind und nicht mehr zu ändern sind.

Mit der Akzeptanz des Geschehenen erlaubst Du Dir auch zu erkennen, welche Rolle der emotionale Rolle in Deinem Leben hatte und zu welchem Menschen er Dich gemacht hat. Auf der einen Seite steht ganz klar das Leid. Auf der anderen Seite wirst Du feststellen, dass Du mit wesentlich mehr Empathie und Verständnis für Deine Mitmenschen gesegnet worden bist.

Mit der Akzeptanz des Geschehenen lernst Du letztlich auch Dich selbst zu akzeptieren und zu respektieren. Du kannst stolz darauf sein, wie weit Du es trotz der ganzen Geschehnisse in Deinem Leben gebracht hast. Wenn Du genau hinsiehst, wirst Du feststellen welche Stärke Du dazu bewiesen hast.

7. Depression

Wie schon wieder Depression?

War das nicht schon Bestandteil der emotionalen Krise?

Du hast erkannt, dass Du missbraucht worden bist, Du hast Deine Wut und Trauer verarbeitet und zur Akzeptanz des Geschehenen gefunden. Und jetzt? Warum ist das Leben denn kein Deut besser geworden, nachdem das Trauma doch endlich verarbeitet zu sein schien?

Nun… die Antwort ist recht einfach. Du hast Deine Wunden erkannt und wieder geschlossen. Allerdings hat der emotionale Missbrauch Schäden hinterlassen. Die gilt es auch noch zu reparieren.

Für eine vollständige Handlung wirst Du Dein Verhalten ändern müssen. Im Prinzip brauchst Du ein Update dafür, wie durchs Leben gehst. Das mag alles ein wenig diffus klingen. Am einfachsten kannst Du die durch den Missbrauch entstandenen Schäden an Deinen Trigger-Punkten erkennen.

Es wird Kleinigkeiten geben, die Dich aus der Bahn werfen und Dein Trauma kurzzeitig wieder aufleben lassen. Dazu kann es schon reichen, Dich von jemanden ungerecht behandelt oder abgewertet zu fühlen. Deine alten Schutzmechanismen greifen dann wieder und sorgen für Verhaltensweisen, die Dir nun nicht mehr dienlich sind. In der Vergangenheit waren sie nützlich, um den erfahrenen Missbrauch überleben zu können.

Bei dem oben benannten Update handelt es sich im Prinzip darum, wieder zu einer gesunden Selbstregulation zu finden und eben nicht tief in Emotionen abzugleiten und die Kontrolle über sich zu verlieren.

Schwierig in dieser Phase ist die Erkenntnis, dass allein Du selbst für Deine Heilung verantwortlich bist und das, obwohl der Missbrauch nicht Deine Schuld gewesen ist.

8. Integration des emotionalen Missbrauchs

Wirklich geheilt bist Du erst dann, wenn Du all das Geschehene auf Deinem Lebensweg bezogen einzuordnen weisst. Durch den Missbrauch hat Dich das Leben nunmal eben genau Deinen Lebensweg gehen lassen. Mit anderen Worten:

Das Ganze hat etwas aus Dir gemacht.

Du hast Deine Lektionen gelernt, Deinen Weg beschritten und kannst nun loslassen. Deine Narben bleiben freilich erhalten. Aber sie bestimmen nicht mehr Dein Leben. Sie sind ein Kapitel im Buch Deines Lebens. Nun darfst Du ein neues schreiben, das auf all Deine vorigen Kapitel aufbaut.

Willkommen im Abenteuer Leben.

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