Durch welches Schlüsselerlebnis hast Du eine Deiner größten Ängste verloren?

A: Nein… ich geh nicht weiter!

B: Aber… es sind doch nur noch 200m.

A: Nein. Das ist mir zu schmal. Da geh ich nicht lang!

B: Jetzt sind wir 4 Stunden gewandert und Du gibst 200m vor dem Ziel auf?

Was für ein bizarrer Dialog dachte ich mir. Für mich war klar: Die letzten 200m schaffe ich auch noch. Koste es was es wolle. Mit meinen Kräften war ich zwar völlig am Ende. Denken konnte ich auch nicht mehr so richtig. Aber… ich hatte ein Ziel vor Augen.

In langsamen Schritten ging ich meinem Vordermann hinterher. Ich bemühte mich nach Kräften, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es war körperlich sehr anstrengend und forderte die restlichen Funken meiner Willenskraft. Um mich herum bekam ich so gut wie nichts mehr mit.

Wie aus dem Off hörte ich eine Stimme sagen: Nach da links sind es 700m und rechts 1.000m. Machte alles keinen Sinn für mich, aber ich bekam wohl auch nicht jedes Wort mit. Egal… weiter gehts. Schritt um Schritt irgendwie die letzten 200m bewältigen.

Endlich am Ziel. Kein Glücksgefühl. Nichts in meinem Kopf außer einer unendlichen Leere. Immerhin… meine „Lebensversicherung“ hatte gehalten. Das war irgendwie wichtig. Warum… das wusste ich gerade nicht.

„Lars – bitte lächeln!“ sagte der Mann da vor mir. Ich bemühte mich redlich.

Wir drehten um und machten uns auf den Rückweg. Diesmal musste ich niemanden mehr hinterherlaufen. Auf dem Rückweg ging ich voran und musste nur das befolgen, was der Mann zwei hinter mir an Kommandos herausgab.

Die eben noch so schwierigen letzten 200 Meter beschritten sich nun etwas leichter. Die Aussicht war grandios. Schnell ein paar Fotos machen, funkte es durch mein Gehirn. Erst 20 Minuten später sollte ich langsam begreifen, was ich da eigentlich machte.

Es wurde langsam heller. Das Leben wurde leichter. Auf einmal wusste ich wieder, dass zwei hinter mir Silvio hieß und mein Bergführer war.

Wir sind nun auf ca. 5.800m. Lass uns eine Pause machen. Gab Silvio mir und dem Dritten in unserer Seilschaft zu verstehen.

Sach mal Silvio… was hat es eigentlich mit der Lebensversicherung auf sich? fragte ich nach.

Silvio lächelte mich an. Er erklärte mir, dass das Seil vorhin meine Lebensversicherung gewesen ist. Auf den letzten 200m ging es links 700m steil herunter und nach rechts eben 1.000m in die Tiefe. Wenn einer aus unserer Seilschaft abgerutscht wäre, dann wäre er auf die andere Seite gesprungen. Das Seil hätte dann dafür gesorgt, dass niemand von uns in die Tiefe fällt und stirbt.

KRASS….

Nun hatte ich zumindest ein vage Vorstellung von dem, was da vorhin abgelaufen ist. Ich konnte gar nicht so recht fassen, dass ich mich darauf eingelassen hatte. Denn Zeit meines Lebens hatte ich eine wahnsinnige Höhenangst. Die fing so bei ca. 3m an. Ganz schlimm war es, wenn ich mal am Geländer eines Hochhauses nach unten schaute. Da wurde mir sofort schwindelig und übel. Das ging maximal für eine Sekunde. Danach drohte ich in Panik zu verfallen. So weit habe ich es jedoch nie kommen lassen.

Bei den Hochhäusern gab es immerhin ein schützendes Geländer. Und nun… wo ich auf einmal total exponiert auf über 6.000 Meter Höhe stand, schien mir all das nichts mehr auszumachen.

Wo war nur meine Angst geblieben, als ich sie als Schutzfunktion wirklich mal gebraucht hätte…?

Über 30 Jahre Höhenangst hatten sich auf den letzten 200 Meter quasi in Luft aufgelöst. Meine Höhenangst ist seit der Besteigung des Huayna Potosi nahezu geheilt.

Heute kann ich mich sorgenfrei über das Geländer eines Hochhauses beugen. Es macht mir nicht mehr wirklich viel aus. Kein Schwindel mehr, keine drohende Panik, keine feuchten Hände. Nach einer gewissen Zeit wird mir zwar noch etwas unwohl, aber ich kann sehr gut damit umgehen.

Das also war mein Schlüsselerlebnis zur Überwindung meiner Höhenangst.

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