Sind Narzissten wirklich glücklich?

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Ich hatte das Glück oder Unglück (je nach dem, wie man es sehen will) einen Narzissten über ein sehr langen Zeitraum zu beobachten und zu studieren. Der einfach Grund: Es handelt sich um meinen jüngeren Bruder.

Ich bin 8 Jahre älter als er. Wenn Du mich nun fragst, ob er ein glückliches Kind war, dann würde ich mit ja und nein antworten.

Ja würde ich sagen, weil er ein extrem frühreifes und neugieriges Kind war. Er hatte er auch zudem eine sehr lebendige Vorstellungskraft und konnte sich gut selbst beschäftigen. Das musste er auch, weil er ein Schlüsselkind war.

Nein würde ich sagen, weil seine narzisstische Mutter sich selbst und ihre Ambitionen immer zur höchsten Priorität gemacht hat. Während sie versuchte, auf der Arbeit mehr zu erreichen, ließ sie all ihren Frust und Wut an meinem Bruder aus. Dadurch lernte er, seine Mutter mit einem Drink in der Hand an der Tür zu begrüßen, wenn sie nach Hause kam. Für ihn war der Umgang mit seiner Mutter, so als würde er auf Eierschalen laufen.

Mein Bruder war nicht nur frühreif, sondern auch sehr weiblich. Die Familie wusste daher schon recht früh, dass er schwul werden würde.

Unglücklicherweise erlebte er seine späten Schuljahre ebenfalls als einen Ort der Gewalt und des Mobbings. Schlussendlich fand er in einer Außenseitergruppe seine Zuflucht. Das half schlussendlich nicht wirklich. Seine Erfahrungen waren für ihn so schmerzhaft, dass er die Schule schmiss.

Ich fand es immer sehr interessant, wie ein Menschen, die selbst schonungslos gemobbt wurden, sich später selber zu Mobbern entwickeln.

Wenn ich bespielsweise mit ihm in einen Restaurant war, dann kam es kam es eigentlich immer vor, dass er das Personal gedemütigt hatte oder versuchte, sein Essen für umsonst zu bekommen. Oftmals gelang ihm das auch noch.

Als er noch ein Kind war, stellte ich fest, dass es für ihn leicht war, zu lügen und andere zu manipulieren. Diese Fertigkeiten hat er über die Jahre verbessert und in seinem Erwachsenenleben reichlich Gebrauch davon gemacht. Er bekommt eigentlich immer, was er will. Er bringt die Leute dazu, sich wie von ihm gewünscht zu verhalten und lässt sie das glauben, was er selbst glaubt.

Obwohl er hochintelligent ist, hat er so gut wie keine Geduld und will immer sofort seine „Belohnung“. Als Teenager war er hilflos. Es fehlte ihm an Antrieb und meine Mutter beschimpfte ihn, ein Versager zu sein.

Die Leute meinten, er würde es nie zu etwas bringen. Aber er hat es geschafft, sie alle Lüge zu strafen. Er wurde ein erfolgreicher Immobilienmakler. Er zeigte Widerstandskraft und baute sein Geschäft auf, als die ganze Branche am Boden lag.

Er liebt es, sich mit anderen zu messen. Er liebt es zu gewinnen und dann auf die weniger erfolgreichen herabzuschauen.

Vielleicht lag es daran, wie der die Abgrenzung zwischen Verlierern und Gewinnern für sich definierte. Er betont ständig, dass der Gewinner ist. Obwohl das eigentlich ein deutlichen Anzeichen von Unsicherheit ist, scheint er dabei jedoch keine unglückliche Person zu sein.

Ich habe hier viele Antworten auf Quora gelesen, die meinen, dass Narzissten unglücklich sein müssten, wenn sie ständig andere klein machen und diese zerstören.

Zunächst sei gesagt, dass Narzissten nicht immer andere zerstören. Sie sorgen eben nur dafür, dass Dein Selbstwertgefühl so niedrig ist, dass Du keine Erfolge erzielen kannst. Das verbessert ihre Chancen, Kontrolle über Dich auszuüben. Sie stellen sich, dass sie in der Hackordnung ganz oben stehen. Dazu müssen sie natürlich alle, die an Selbstsicherheit gewinnen und sie herausfordern niedermachen. Nur so können sie ja dauerhaft oben bleiben.

Ja, sie lieben und brauchen es, immer die Kontrolle zu haben.

Ich habe meinen Bruder so oft sagen hören, wie sehr es das Chaos hasst. Er muss die Kontrolle über seine Umwelt haben. Ich weiß nicht, ob das auf seine fragile und unsicherere Kindheit zurückzuführen ist — wie sind im Schnitt einmal pro Jahr umgezogen.

Insgesamt ist mein Bruder glücklich mit seinem Leben. Ich habe versucht herauszufinden, ob es sich um ein oberflächliches Glücklichsein handelt oder mehr dahinter steckt.

Aber der Ansatz ist meiner Meinung nach falsch. Wie heißt es so schön: Glücklich sind die geistig armen…

Ich habe festgestellt, dass er glücklicher als ich ist. Zunächst einmal liegt es daran, wie er „verdrahtet“ ist. Er bedauert nichts, und fühlt sich nie schuldig, wie es bei mir bspw. der Fall ist (und mich oft verzweifeln lässt).

Wenn mein Bruder sich tatsächlich mal unsicher oder verloren fühlt, dann erholt er sich in der Regel sehr schnell davon und gewinnt die Kontrolle wieder zurück.

Natürlich hat niemand ein perfektes Leben. Mein Bruder ist schnell gelangweilt. Darüber kommt er schnell hinweg, indem er sich eine neue Herausforderung sucht oder einen Sieg erlangt.

Das Leben ist ein Wettbewerb für ihn und er ist verdammt gut darin, zu gewinnen.

Kann mein Bruder lieben?

Er ist mit seinem Lebensgefährten nun etwa 20 Jahre zusammen. Er vertraut seinem Partner sein ganzes Leben an und beabsicht, ihm alles zu vererben. Dieser Mann hat sich ihm als loyaler Partner gezeigt, der für all die Macken meines Bruders blind zu sein schien. Dieser Mann hat das, wonach mein Bruder immer gesucht hat: Bedingungslose Liebe.

Aber das Glück meines Bruders fand kürzlich ein Ende. Vor zwei Jahren wurde er bei ihn Nierenversagen im Endstadium festgestellt. Seitdem hat sich seine Gesundheit kontinuierlich verschlechtert.

Er fragte meine Mutter: „Warum hat es mich getroffen? Ich bin doch so ein guter Mensch.“

Meinen Bruder habe ich aufgrund der Art und Weise, wie er mich behandelt hat, oft mit einem Monster verglichen. Er glaubt dennoch, dass das Schicksal zu ihm grausam und ungerecht ware, weil er ja sooo ein guter Mensch ist.

Aus der Ferne habe ich mit angesehen, wie er um sein Leben kämpft. Er hat ein recht gemütliches Leben, das er nicht aufgeben will.

Meine Mutter sagte: „Es ist so eine Schande. Er liebt das Leben doch so sehr.“

Ist das nun der Beweis dafür, dass er glücklich ist oder dass es das Leben selbst mit einer Killer-Spinne gut meint?

Ich glaube nicht, dass Narzissten unglücklich sind. Sie sind Menschen wie alle anderen, die eben auch mit Leid zu kämpfen haben. Ich würde nicht anzweifeln wollen, dass Narzissten nicht auch glücklich sein können.

Hast Du niemals Schweine gesehen, die glückseelig in ihrem eigenem Mist liegen?

Mit Narzissten ist es nicht anders.

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