Was denkst Du über Deinen Vater?

Als Kind wäre mir die Beantwortung dieser Frage leicht gefallen. Meinen Vater hielt ich für den großartigsten Menschen überhaupt. Er war furchtlos, wusste auf alles eine Antwort, strotzte vor Gesundheit, und kannte selbst bei heftigen Verletzungen keinen Schmerz bzw. konnte wie ein echter Mann damit umgehen. Schwach und verweichlicht, das waren nur die anderen…

Seine Erziehungsmethoden waren darauf ausgerichtet, jegliche Schwäche und Ungehorsam im Keim zu ersticken. Bei anderen stießen diese auf Empörung. Manch einer nannte ihn einen Sadisten. Ich schlug diese Bezeichnung damals nach, konnte damit jedoch nichts anfangen.

Erst als ich 17 Jahre alt war, kamen in mir erste Zweifel auf.

Unser Hund hatte aus Protest auf sein Samt-Kissen gepinkelt. Es war frisch gewaschen und duftete schön nach Weichspüler. Dem Hund gefiel diese Duftnote irgendwie nicht so.

Mein Vater hatte den Drang, ihn zu bestrafen. Er griff nach einer PVC-Tischunterlage und prügelte damit auf ihn ein…. Minuten lang. Der Hund winselte vor Schmerz. Mir zerriss es fast das Herz. Ich mochte diesen Hund und wusste nur zu gut, was er da gerade durchmachen musste…

Wie von Ohnmacht gelähmt stand ich tatenlos daneben. Später schämte ich mich dafür, nicht eingegriffen zu haben. Damals strotze ich nur so vor Kraft und konnte diese manchmal zum Leidwesen meiner Mitmenschen kaum bändigen.

Nein… ich war kein Schläger. Allerdings blieb es u.a. beim Sport nicht aus, dass ich meine Mitmenschen unnötig stark verletzte und das nicht einmal beabsichtige hatte. So sehr ich mich bemühte, vorsichtig zu sein, unterschätze ich meine Kräfte oftmals maßlos.

Auch mit meinen Worten fügte ich so manchem Mitschüler Leid zu. Ich hatte ein gewisses Talent, mich über die mir unbekannten Schwächen anderer lustig zu machen. Nennt man wohl ins Fettnäpfchen treten….

Ein ums andere Mal habe ich mich gewundert, wie nachsichtig mein Umfeld mit mir war. Ich verstehe es bis heute nicht so ganz.

Weitere 18 Jahre später geriet mein Weltbild langsam ins Wanken

Ich war als Backpacker in Peru unterwegs. An einem neuen Ort angekommen entschied ich mich spontan, mit ein paar anderen Backpackern Hühnchen essen zu gehen.

Das Essen bekam mir nicht so gut. Am nächsten Tag hatte ich Magen-Darm und ein wenig Fieber. War kein Weltuntergang. Fühlte mich nur ein wenig schwach und legte mich ins Bett. Kein wirklicher Grund zur Sorge dachte ich.

Nun… alle anderen im Hostel sahen das völlig anders. Sie kümmerten und sorgten sich um mich, als wäre ich ihr gerade im Sterben liegender Bruder. Ein derartiges Ausmaß an Fürsorge war mir bis dato völlig unbekannt.

Krankheit war in meiner Kindheit immer etwas, was es unbedingt zu vermeiden galt. Hustete ich zu oft, musste ich in den Keller. Hatte ich mal länger als eine Woche Grippe, wurde mir vorgeworfen nach Verwesung zu stinken.

Ich wollte das nicht so ganz glauben. Als ich mal wieder krank und mein Patenonkel zufällig zu Besuch war, fragte ich ihn, ob ich nach Fäulnis rieche. Er hatte Tränen in den Augen. Seine Reaktion wusste ich nicht zu deuten….

Ja und da lag ich nun in Peru in meinem Bett und begriff nicht, wie mir geschah. Alle zwei Stunden kam einer der Backpacker zu mir, brachte Tee und Medikamente und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden…

Nach und nach stellte ich auf meiner Reise fest, wie faszinierend liebevoll die Menschen miteinander umgehen (können). Erst hielt ich es für so ein Backpacker-Ding. Später für ein Latino-Ding. Heute stufe ich „dieses Ding“ als einer der höchsten menschlichen Ideale ein.

Meine Feststellungen blieben nicht ohne Folgen

Der Wiedereinstieg ins Berufsleben stellte sich nach meiner einjährigen Reise als Hölle heraus. All das Liebevolle und Menschliche, das ich vorher erleben durfte, schien es in der realen Welt auf einmal nicht mehr zu geben.

Ich erfuhr eine Brutalität, wie ich sie selbst bei vorigen Arbeitgeber nicht einmal im Ansatz gesehen hatte. In meiner Kindheit hätte ich all das für normal und richtig gehalten. Wahrscheinlich konnte ich das dadurch irgendwie ertragen. Durch meine Reise hatte ich aber nun einen Vergleichspunkt.

Ich wunderte mich, wie ich auf solche Arbeitgeber „hereinfallen“ konnte. Vielleicht lag einer der Gründe darin, es besser zu machen und zumindest dafür zu sorgen, dass meine Mitarbeiter verschont blieben.

Vielleicht bestand ein weiterer Grund auch darin, endlich zu erkennen, was in meiner Kindheit wirklich gelaufen ist und dass es nun Zeit ist, mich selbst zu erkennen und mich als eigenständiges Wesen zu akzeptieren.

Offen gesagt… ich weiß es nicht.

Was ich allerdings weiß… seitdem mir diese Dinge bewusst geworden sind, geht auch mein heimisches Umfeld wesentlich liebevoller und respektvoller mit mir um. Klar… es sind teilweise andere Menschen… aber es fühlt sich fast so an, als wäre ich wieder in Südamerika.

Vor allem fühle ich nun endlich etwas, vielleicht das erste Mal so richtig in meinem Leben. Lange Zeit wusste ich nicht, was Gefühle überhaupt sind.

Wie denke ich nun über meinen Vater?

Nach 20 Jahren ohne Kontakt traf ich mich vergangenes Jahr wieder mit ihm. Ich war neugierig und wollte wissen, wie ich ihn nach all der Zeit wahrnehmen würde.

Ein Teil von mir hatte wohl auch die Hoffnung, dass er sich seines Lebens bewusster geworden ist und rückblickend das eine oder andere vielleicht anders sieht.

Ich war erstaunt, dass er sich – abgesehen von einer sichtbaren Alterung – überhaupt nicht verändert hatte. Obwohl er immer noch der gleiche war, hätte er mir nicht fremder sein können.

Da war nichts, was uns verband. Er lebt in seiner Welt. Ich in meiner. Seine Welt kannte ich noch von damals. Meine Welt interessierte ihn nicht.

Unsere Wege haben sich getrennt.

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