Was ist das netteste, das Du jemals getan hast?

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Als ich 10 war, stand ich vor meiner neuen Klasse. Meine neuen Mitschüler schauten mich interessiert an, als meine Lehrerin mich ihnen vorstellte. Ich stieß zur Mitte des Schuljahrs hinzu. Es gab 41 Schüler in meiner Klasse und ich war Nummer 42.

Alle meine Mitschüler saßen zu zweit an einem Tisch außer ein Mädchen, das ich im Folgenden K. nenne. Ich habe mich neben sie gesetzt und sie etwas unsicher angelächelt. Sie erwiderte mein Lächeln. Der Unterricht begann und wir beide saßen still nebeneinander und fingen erst zum Mittagessen an, uns zu unterhalten.

Meine Mutter hat mir Aloo Parantha mit selbst eingelegten Gurken und ein paar Früchte in meine Lunch-Box gegeben. Sie hat sich wirklich sehr viel Mühe bei der Zubereitung meines Pausenbrots gegeben. Es war so lecker, dass ich es gar nicht schnell genug verschlingen konnte.

Indes holte K ihre Lunch-Box heraus, in der sich nur ein mit Butter bestrichenes Brot befand. In Indien ist äußerst ungewöhnlich, nur ein Butterbrot als Mittagessen zu bekommen.

Ich bekam nur dann Butterbrot zu essen, wenn es meiner Mutter wirklich mal nicht gut ging. Daher dachte ich, dass dies auch bei K der Fall sei. Daher habe ich ihr von meinem Pausenbrot etwas abgegeben und die Sache danach vergessen.

Am nächsten Tag hatte K wieder nur ein Butterbrot fürs Mittagessen. Ich nahm an, dass ihre Mutter wohl an einer Grippe erkrankt sein müsse. So gab ich ihr wieder etwas von meinem Pausenbrot ab. So ging das dann eine ganze Woche lang. Eines Tages habe ich ihr dann eine Frage gestellt, die ich besser hätte sein lassen sollen:

„Geht es Deiner Mutter nicht gut?“

Als 10-Jährige war ich auf die Antwort nicht vorbereitet. Ks Mutter war vor ein paar Wochen an Krebs gestorben. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Also tat ich das Offensichtlichste.

Ich ging nach Hause und sagte meiner Mutter, dass ich nicht satt geworden bin und mehr zu essen in meiner Lunch-Box bräuchte. Meine Mutter packte dann mehr hinein. In der Schule sagte ich K dann, dass meine Mutter mir zu viel zu essen mitgegeben hätte und ob sie mir beim Aufessen nicht helfen könne. Dann fragte ich sie, was ihr Lieblingsessen ist.

Als ich wieder zu Hause war, bat ich meine Mutter darum, mir genau dieses Essen für den nächsten Tag mit in die Schule zu geben. Das ging dann ein paar Tage so. Aber die Instinkte meiner Mutter waren einfach zu gut. Sie wunderte sich, warum ich von den einen auf den anderen Tag auf einmal die doppelte Menge an Essen benötigte und mir Dinge wünschte, die ich vorher gar nicht mochte.

Sie fragte mich, was los sei. Da mir die Lügen ausgingen, erzählte ich ihr die Wahrheit. Ich kann mich noch erinnern, wie traurig sie das machte. Das ganze Schuljahr über gab sie mir sehr viel zu essen mit und bereitete oft auch Mahlzeiten zu, die K mochte. Danach erkundigte sie sich immer, wie es K denn geschmeckt habe.

Natürlich habe ich niemandem davon erzählt. Aber ich hoffe, dass meine Mutter und ich K mit dem Essen ein wenig Freude in ihrer schwierigen Zeit bereitet haben.

Nach dem Schuljahr bin ich an eine andere Schule gewechselt und habe den Kontakt zu ihr verloren. Mein Vater hatte einen Job, für den wir oft umziehen mussten und daher musste ich die Schule öfters wechseln. Daher erinnere ich mich auch nicht mehr an Ks Nachnamen und kann sie daher auf Facebook nicht finden.

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