Was ist Narzissmus?

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Wir leben in einer Zeit, in der Narzissmus für die Allgemeinheit deutlich sichtbar geworden ist. Ein waschechter Narzisst zeichnet sich durch ein aufgeblasenes Ego auf. Er hält sich für großartig und besser als alle anderen. Gleichzeitig hat er einen nahezu unstillbaren Drang nach Aufmerksamkeit und Bewunderung durch andere.

Ein Narzisst setzt alles daran, im Mittelpunkt zu stehen. Notfalls blamiert er sich dafür bis auf die Knochen. Ihm ist kein Preis zu hoch. Die Aufmerksamkeit seines Umfelds ist seine narzisstische Zufuhr. Die braucht er, wie die Luft zum Atmen.

Das mag alles ein wenig schräg klingen. Schaut man sich jedoch mal an, wer sich heute so alles auf der Weltbühne tummelt, wird das Bild klarer. Manchmal könnte man glatt den Eindruck haben, dass Clowns die Geschicke einiger Staaten bestimmen. Auf Social Media sieht es nicht besser aus. Der eine oder andere Influencer ist allein für seine Bekanntheit bekannt und sonst nix.

Man kann natürlich nicht alle Narzissten über einen Kamm scheren. Es gibt nicht den einen „Narzissmus“. Das Spektrum reicht von vereinzelten narzisstischen Zügen – wie sie wohl jeder ab und an zeigt – bis hin zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS). Letztgenannte ist eine durchaus ernste Angelegenheit, die für viel Leid bei den Betroffenen aber auch für deren Umfeld bedeuten kann.

Genau um diese schwerwiegenden Fälle des Narzissmus geht es im weiteren Verlauf.

Woran erkennt man Narzissten?

Oftmals ist zu lesen, dass es sich bei Narzissten um extrem selbstverliebte Menschen handelt. Auch wenn es für die Außenwelt durchaus so wirkt, verbirgt der Narzisst sein wahres Ich hinter einer Maske. Hinter der sieht es freilich ganz anders aus.

Tief in seinem Inneren ist der Narzisst (gemeint ist ein Mensch mit NPS) ein extrem fragiles Wesen mit sehr geringem Selbstbewusstsein. So gesehen handelt es sich beim Narzissmus um Schutzmechanismen. Sie sorgen dafür, dass das wahre Ich nach außen nicht direkt sichtbar ist. Zudem helfen sie dem Narzissten sich als extrem fragiles Wesen zu stabilisieren.

Nun aber zu den gängigsten Erkennungsmerkmalen des offenen Narzissmus. Die Merkmale verdeckter Narzissten werde ich im nächsten Artikel erläutern.

1. Überlegenheit und Anspruchsdenken

Sich anderen überlegen zu fühlen, ist eines der Haupterkennungsmerkmale der Narzissten. In ihrer Welt gibt es nur überlegen/unterlegen, gut/schlecht sowie richtig und falsch. Für sie ist es wichtig, immer an der Spitze zu stehen bzw. die Oberhand zu haben. Das erlaubt ihnen Kontrolle über andere auszuüben und vermittelt ihnen ein Gefühl von Sicherheit.

2. Übertriebenes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung

Wie eingangs bereits beschrieben, brauchen Narzissten die Aufmerksamkeit und Anerkennung durch andere. Sie haben danach einen unstillbaren Hunger. In gewisser Hinsicht sind sie diesbezüglich wie Süchtige. Kaum haben sie eine Dosis erhalten, muss auch schon die nächste, möglichst stärkere her.

Tief in ihrem Inneren wissen sie um ihre Verletzlichkeit und fühlen sich von niemandem geliebt. Die Bewunderung und Aufmerksamkeit durch andere benötigen sie, um ihr fragiles Selbst zu stabilisieren. Auch wenn das nur temporär funktioniert.

3. Perfektionismus

Narzissten haben einen hohen Anspruch an Perfektionismus. In ihrer Welt muss alles perfekt sein und ihren Erwartungen vollkommen entsprechen. Das ist in der Realität natürlich nicht möglich. Daher sind sie oft unzufrieden und fühlen sich entsprechend schlecht. Das äußern sie durch ständiges Jammern und Kritisieren.

In dieses Bild passt es auch, dass Narzissten mit der Kritik anderer nicht umgehen können. Sie empfinden diese als massive Bedrohung und werden entsprechend schnell ungehalten bis wütend.

4. Mangelndes Verantwortungsbewusstsein

Narzissten wollen zwar Kontrolle ausüben, sehen sich aber nur dann in der Verantwortung, wenn alles nach ihren Vorstellungen abgelaufen ist. Wenn dem nicht der Fall sind, wird die Schuld bei anderen gesucht. Nur so können sie ihren Anspruch an Perfektionismus aufrecht erhalten.

5. Missachtung persönlicher Grenzen

Narzissten haben ein Problem damit, die Grenzen zwischen sich selbst und ihrer Umwelt zu erkennen. Im Prinzip sind sie damit auf der Entwicklungsstufe eines zweijährigen Kinds.

Sie gehen davon aus, dass die Dinge in ihrer Umgebung im Prinzip ihnen gehören bzw. sie einen Anspruch darauf haben. Des weiteren gehen sie davon aus, dass andere genauso denken wie sie und auch die gleichen Bedürfnisse haben.

Mit einem Nein können sie nur schwer umgehen. Teilweise empfinden sie dies als eine Beleidung. Es ist daher nicht ungewöhnlich, wenn sie – wie ein kleines Kind – immer und immer wieder versuchen, ihren Willen durchzusetzen.

6. Mangelnde Empathie

Narzissten ist es nahezu unmöglich, sich in andere hinein zu versetzen und mit ihnen zu fühlen. Sie haben zu der Gefühlswelt anderer keinen Zugang. Ihre Welt dreht sich einzig und allein um sie selbst. Wie im vorigen Punkt bereits beschrieben, gehen sie davon aus, dass ihre Umwelt ebenso empfindet wie sie selbst.

Ihre „Empathie“ beschränkt sich meistens auf das, was sie kognitiv wahrnehmen können. D.h. wenn jemand heult oder lächelt können sie damit auf dessen Stimmungslage schließen. Was jedoch wirklich im anderen vorgeht, bleibt ihnen verborgen. Auf ihre Außenwelt wirkt es, als hätten sie ein extrem dickes Fell durch das fast nichts durchzudringen vermag.

Die mangelnde Empathie macht es für Narzissten extrem schwierig bis unmöglich, tiefe emotionale Bindungen zu anderen Personen aufzubauen. Genau dieser Punkt sorgt bei Partnerschaften mit einem Narzissten in der Regel für massiven Sprengstoff.

7. Spaltung

Für Narzissten ist die Welt in Gut und Schlecht bzw. Schwarz und Weiß gespalten. Zwischenstufen existieren für sie nicht. Das Gute nehmen sie für sich in Anspruch. Für das Schlechte sind alle anderen verantwortlich.

Diese Aufspaltung geht soweit, dass sie ihre Mitmenschen nicht als ganzheitliche Personen wahrnehmen. D.h. sie sehen andere nicht als die Summe ihrer guten und schlechten Eigenschaften. Das was sie sehen, ist entweder ein guter oder ein schlechter Mensch.

Diese Spaltung setzt sich bis in ihr Erinnerungsvermögen fort. Sie können sich entweder nur an die guten oder schlechten Aspekte vergangener Geschehnisse erinnern. Bezogen auf ihre Mitmenschen nehmen sie diese nur aus dem Moment heraus als gut oder schlecht war. Selbst wenn sie jemand in der Vergangenheit als gut eingestuft haben und nun etwas schlechtes vorgefallen ist, stufen sie ihn als ausschließlich schlecht ein.

Dieses Phänomen des Narzissmus wird in der Psychologie auch als mangelnde Objektkonstanz und Objektrelation bezeichnet.

8. Missbräuchliches und manipulatives Verhalten

Im weitesten Sinne ist für einen Narzissten die Umwelt nur eine Erweiterung seiner selbst. Seine Mitmenschen nimmt er nicht als emotionale Wesen wahr, sondern im Grunde genommen als Gegenstände.

Er hat daher keine Skrupel mit anderen zu machen, was er will. Auf der einen Seite stehen massive Manipulationen wie bspw. Gaslighting, Silent Treatment und Schmutzkampagnen. Auf der anderen Seite kann sich ein Narzisst extrem charmant zeigen und seinem vermeintlichen Opfer genau das vorzuspielen, wonach es sich so sehr sehnt.

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