Was macht den Reiz einer Leica M aus?

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Ist eine Leica M technisch überlegen = NEIN! Diese Kameras kommen ohne Autofokus. Zoomobjektive gibt es nicht. Sie würden an einer M eh keinen Sinn machen. Die Belichtungsmessung ist mittelprächtig. Immerhin… die digitalen Ms haben zumindest eine Zeit- und ISO-Automatik.

Da fragt sich mancher: Was soll daran toll sein? Woher nehmen die Leica Fans ihre Begeisterung für diese Kameras? Wo genau, liegt deren Reiz verborgen? Oder ist es nur der Ruhm der Marke aus den altehrwürdigen Zeiten, als Leica technisch zur Weltklasse zählte?

Wer kauft sich eine Leica?

Manch einer mag hier antworten: Leute, die einfach zuviel Geld haben.

Die Antwort dürfte in den meisten Fällen richtig sein. Denn… eine Leica braucht wirklich niemand. Fotografen, die Geld mit ihren Bildern verdienen müssen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Nikons oder Canons als Arbeitstiere… neuerdings vielleicht auch mal ne Sony.

Dennoch wird der eine oder andere Profi auch eine Leica mit Stolz sein Eigen nennen. Obwohl er mit dieser Kamera kein Geld verdient, wird er sie nicht wieder hergeben wollen. Eine Leica kauft man sich nicht für die Arbeit. Eine Leica kauft man sich aus Leidenschaft an der Fotografie.

Was ist so besonders an einer Leica M?

Leica Ms sind Purismus pur. Da ist nichts dran, was man nicht wirklich braucht. Autofokus…. braucht man nicht! Im typischen Einsatzgebiet einer M würde Autofokus eh nur stören (dazu später mehr).

Leica Kameras sind grundsolide. Die legendären M3s funktionieren selbst nach 50 Jahren noch wie am ersten Tag. Da klappert nix. Das ist noch echte Deutsche Wertarbeit. Und diese Qualität kann man fühlen.

Die wichtigste Besonderheit eine Leica ist, dass sie nicht stört. Eine Leica ist nicht im Weg. Sie ist ein Werkzeug, über das man sich keine Gedanken machen muss. Alles fühlt sich so an, wie es sich anfühlen muss. Eine Leica M ist wie der austarierte Hammer eines Zimmermanns.

Die Magie einer Leica M liegt darin, wie man mit ihr fotografiert.

Für einen Laien sieht vieles einfach aus. Der Zimmermann greift seinem Hammer. Er nimmt einen Nagel, setzt an, haut einmal mit dem Hammer zum Fixieren des Nagels drauf. Zweiter Hammerschlag… TREFFER! Nagel versenkt.

Beim Zimmermann sitzt jeder Handgriff. Er kennt seinen Hammer. Er weiß, wie er ihn anfassen muss. Er weiß wie hart das Holz ist und welcher Nagel dafür am besten ist. Er kennt seinen Hammer so gut, dass er sich über diesen gar keine Gedanken mehr zu machen braucht. Seinen Schlag führt er wie eine harmonische Choreographie durch.

Wenn es schnell und auf Masse gehen muss, dann nimmt er die Pressluft-Nagelmaschine. Aber… trotz all der Innovationen versenkt er die Nägel immer noch am liebsten mit seinem Hammer. Es ist für ihn einfach das Natürlichste der Welt.

Im übertragenen Sinne ist eine Leica M der Hammer des Zimmermanns.

Fehlender Autofokus: Fluch oder Segen?

Man kann es sich heutzutage kaum noch vorstellen, aber… ohne Autofokus gehts‘ manchmal wesentlich besser.

Warum?

Selbst der beste Autofokus braucht eine gewisse Zeit, bis das Messergebnis vorliegt und das Objektiv scharf gestellt ist. Auch wenn es nur im Zehntelsekundenbereich liegt, kann das für das volle Erfassen eines erstaunten Gesichtsausdrucks schon entscheidend sein.

Wer keinen Autofokus hat, muss vorher schon scharf stellen. Klingt kompliziert, muss es aber nicht zwingend sein.

Je kürzer verwendete Brennweite und je höher die Blende ist, desto größer ist der verfügbare Schärfebereich.

Klar… man muss vorher ungefähr wissen, in welchem Abstand man etwas fotografieren will und die Kamera darauf einstellen. Hat man das aber getan, dann ist es wie der Schlag mit dem Hammer. Kamera zücken, Motiv anvisieren und abdrücken. Bääm Foto da. Kein Warten auf den Autofokus… keine Fehler durch den Autofokus, weil der Algorithmus ein anderes Objekt priosisiert.

Der Reiz mit einer Leica M zu fotografieren

Oben hatte ich bereits geschrieben, dass eine Leica nicht im Weg ist. Aber was bedeutet das?

Nun… einem Leica-Fotografen ist die Technik seiner Kamera ziemlich egal. Er macht sich keine Gedanken darum. Wie der Zimmermann im obigen Beispiel greift er erst dann zu seiner Kamera, wenn es soweit ist.

Vor Auslösen des Verschlusses muss er sich jedoch im übertragenen Sinne prüfen, wie es um das Holz bestellt ist und welcher Nagel dafür gerade der richtige ist. Bei einer Leica gibt es keine Automatiken. Alles muss vorher eingestellt werden (Ausnahme Zeit-&ISO-Automatik der digitalen Ms +M7) Soll heißen, der Fotograf muss vorher wissen:

  • Wie nah muss ich an mein Objekt heran (Festbrennweite hat keinen Zoom)
  • Wie ist das Licht, d.h. welche Verschlusszeit brauche ich?
  • Welchen Schärfebereich brauche ich, d.h. welche Blende muss ich einstellen?

Hat der Fotograf all das an seiner Kamera eingestellt, ist er frei. Sein Geist kann unbeschwert und unbekümmert wandern. Die Kamera rückt völlig in den Hintergrund. Auch physisch wird ihn die Leica M nie stören. Sie ist kompakt, solide und hat eine stimmige Haptik. Sie ist eben wie der austarierte Hammer des Zimmermanns.

Hört sich alles nach Oldschool an und… ist es auch.

Hört sich umständlich und langsam an… ist es aber nicht.

Klar, ein Anfänger wird völlig überfordert sein. Er sieht ein gerade für ihn interessantes Motiv und will es so einfach wie möglich in den Kasten bekommen. Er braucht sich vor dem Foto keine Gedanken zu machen, wo er stehen muss, wie es um das Licht bestellt ist. Das erledigt alles die Technik für ihn.

Steht er zu weit weg, zoomt er eben heran. Dank digitaler Bildbearbeitung kann er sich im Nachhinein noch überlegen, wie sein Werk wirken soll.

Mit einer Leica M ist der Prozess des Fotografierens ein anderer. Ich würde sogar behaupten wollen, dass man mit einem anderen Bewusstsein an die Sache herangeht. Bei einer Leica ist die Technik egal. Hier geht es darum, was man gerade fühlt und sieht und wie man seine aktuellen Eindrücke und Stimmung am besten mit seiner Kamera umsetzt.

Mit einer Leica M wird die Fotografie zu einer fließenden Bewegung. Blende und Fokus werden am Objektiv eingestellt. Es gibt eine Fingereinbuchtung und Rendel, so dass man mit ein wenig Übung spüren kann, welche Blende und Fokusbereich gerade eingestellt ist. Da braucht man nicht mehr hinzuschauen. Die Kamera rückt damit tatsächlich völlig in den Hintergrund. Ab einem gewissen Punkt bekommt man davon gar nichts mehr mit. Ist wie Fahrradfahren. Macht man einfach. Man schaut nur noch, wo man hin will. Alles andere geht automatisch / unterbewusst.

Geht nicht jede andere Kamera genauso gut wie eine Leica M?

Nahezu jede Consumer DSLR kann locker mit einer Leica M mithalten. Der manuelle Modus erlaubt die gleichen Einstellmöglichkeiten. Autofokus kann man ebenfalls ausschalten. Bei einigen Objektiven sind auch heute noch die Schärfebereich mit aufgedruckt.

Apropos Objektive… Die Leica-Objektive genießen auch heute noch einen erstklassigen Ruf und können mit den heutigen Top-Modellen der DSLR-Hersteller mithalten. Besser sind sie nicht, wohl aber deutlich teurer. Und ja… die Haptik eines Leica Objektivs ist sensationell. Da kommt nahezu keiner ran.

Aber… selbst mittelmäßige Objektive sind heutzutage für die meisten Fälle mindestens gut genug. Man wird schon sehr genau hinschauen müssen, um mit dem Auge tatsächlich Unterschiede zu sehen.

Aber… was ist mit dem „sagenhaften Leica-Look“? Ja, den gab es sicherlich mal. Früher zählten Leica Objektive zur absoluten Weltklasse (und sie sind heute immer noch Spitze… aber nicht mehr allein auf dem Olymp).

Heute wird der „Leica Look“ wahrscheinlich eher daran liegen, dass der Fotograf sein Handwerk einfach gut verstanden hat. Als Anfänger wird kaum mit einer Leica M herumlaufen. Die leistet oder gönnt man sich i.d.R. erst, wenn es einem um die eigene Kunst wirklich ernst ist und man schon viel Erfahrungen gesammelt hat.

Also ja… mit einer Consumer-DSLR kann man tendenziell auch wie mit einer Leica fotografieren. Allerdings dürfte das ziemlich umständlich sein und keinen Spaß machen. Die Fuji X Modelle sind schon nah dran an einer Leica M, haben aber immer noch viel Firlefanz und fühlen sich klobig / unstimmig an.

Fazit:

Kein Mensch braucht eine Leica M. Aber… wenn man eine hat, fühlt es sich großartig an. Plus… für Streetphotography gibts‘ eigentlich nix besseres.

Und hier noch ein Foto der schönsten Kamera der Welt: LEICA M3

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