Was war der ergreifendste Moment, den Du mit Deiner Kamera hattest?

Er zitterte am ganzen Körper, so aufgeregt war er. Seine Finger tasteten jeden Millimeter der Bodenplatte ab, die er gerade in den Händen hielt. Es schien fast so, als würde er diese vor seinem geistigen Auge nachzeichnen.

Er wollte etwas sagen. Aber so sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm einfach nicht. Statt Worten kamen nur einzelne Laute aus seinem Mund. Und selbst um diese musste er kämpfen.

In seinen Augen jedoch… da brannte das Feuer der Begeisterung. Endlich war er wieder da… im Hier und Jetzt. Seine Realität war auf einmal wieder die gleiche wie die seines Umfelds.


Vor ein paar Wochen schenkte ich ihm ein maßstabgetreues Modell eines Opel Rekords. Dieses Auto war einmal sein ganzer Stolz. Mit dem Modell wollte ich ihm eine schöne Erinnerung aus seiner Vergangenheit zurückholen. Sie wenigstens für einen kleinen Moment nochmal aufleben lassen…

Doch es gelang mir nicht. Kaum hatte er das Auto in der Hand, entglitt es ihm auch schon wieder. Er begriff einfach nicht, was das da war. In seinem Gesicht… nur ein ausdrucksloser Blick. Für mich… ein Moment der puren Verzweiflung.

Zahlreiche Versuche, zu ihm durchzudringen, waren bereits fehlgeschlagen. Mit dem Modell-Auto war ich mir wirklich sicher. Wochenlang hatte ich etliche Läden auf der Suche nach einem Modell in der richtigen Farbe abgeklappert.

Es war zum Heulen….


Zufrieden saß er still in seinem Sessel. Heute ging es ihm gut.

Schau mal Opa, was ich hier habe… so eine Kamera wolltest Du doch immer mal haben.

Vorsichtig legte ich ihm die Kamera in die Hände. Er war zu schwach, sie ohne Hilfe zu halten. Er wusste noch nicht, um was es sich bei diesem schweren Metallklotz handelte. Eine gewisse Neugier war jedoch geweckt.

Sein Zeigefinger bewegte sich in Richtung Fokusring. Mit dem Nagel tastete er vorsichtig dessen Rändeln ab. Ich legte seinen Fingen auf den Auslöser und half ihm, diesen zu drücken. Die Vibrationen des Verschlusses übertrugen sich auf seinen Körper.

Klick.

Klick in der Kamera.

Klick bei meinem Opa.

Er fing sichtlich an zu zittern. Trotz seiner weit fortgeschrittenen Demenz begriff er schlagartig, was er da in den Händen hielt. Die Verbindung seines Geistes zur Außenwelt: wieder hergestellt.

Auch unter enormster Anstrengung waren seine Hände immer noch zu schwach, die Kamera zu bedienen. Also schraubte ich die Bodenplatte ab und gab sie ihm. Mit der konnte er etwas anfangen und sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Die Magie nahm ihren Lauf.

Nun war es mir doch noch gelungen, zu meinem Opa durchzudringen. Es sollte unser letzter gemeinsamer Moment sein. Wenige Woche später verließ seine Seele den irdischen Körper.

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