Was würdest Du einer Person raten, die ohne Liebe aufgewachsen ist?

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Bevor ich Ratschläge gebe, würde ich mich erst einmal versichern, dass sich die Person ihres Mangels überhaupt bewusst ist. Gerade in Deutschland kommt es nicht selten vor, dass Menschen ohne Liebe aufwachsen und sich dessen nicht einmal bewusst sind.

Lange Zeit habe ich mich gewundert, warum wir Deutschen von anderen Nationen gern als (emotionslose) Maschinen bezeichnet werden. Dazu aber später mehr…

Die gute Nachricht: In den meisten von uns steckt viel Liebe. Die nicht ganz so gute Nachricht: Viele Menschen sind sich dieser Liebe entweder nicht bewusst, oder verdrängen sie (aus Angst).

Wer kennt sie nicht… die mürrische alte Dame, die mit ihrem Gehstock fuchtelnd Kinder verscheucht, nur weil sie aus ihrer Sicht beim Spielen ein wenig zu laut sind. Oder etwa der alte Mann, der auf der Fensterbank lehnend jeden Falschparker sofort aufschreibt und bei der Polizei anzeigt…

Schaut man dann mal hinter die Kulissen, staunt man manchmal nicht schlecht. Die eben noch wie eine Gewitterhexe erscheinende „Omma“ kümmert sich mit einer schon fast herzzerreißenden Liebe um ihre Katze. Und beim Fensterbänkler stellt sich heraus, dass er unter wahnsinnigen Schmerzen leidet und niemanden hat, mit dem er sich unterhalten kann. Seine Frau ist vor 5 Jahren gestorben. Sie war für die sozialen Kontakte verantwortlich. Er hatte das nie gelernt. Ihm wurde als Kind (mit Schlägen) eingetrichtert hart zu arbeiten und zu funktionieren.

Bei älteren Menschen ist der Mangel an Liebe manchmal erschreckend deutlich zu erkennen. Bei jüngeren Menschen ist das mitunter schwieriger, vor allem wenn sie sich noch in ihrer Prägungsphase befinden. Sich nach außen cool zu geben, kann auf mangelnde Liebe hindeuten. Andererseits kann es auch ein Ausdruck von beginnender Emanzipation oder einfach nur die Identifikation mit der eigenen Clique darstellen.

Einem jungen Rebellen Ratschläge zu geben, dürfte wenig sinnvoll sein. Er wird selber gar nicht wissen, warum er rebelliert. Woher soll er wissen, dass es ihm an Liebe mangelt, wenn er Liebe nie kennengelernt hat?

Wenn ihm eingetrichtert worden ist, hart zu sein, wird er die “Nicht-Harten” für Weicheier halten. Mit “Gefühlsduselei” wird er mitunter nichts anzufangen wissen. Es ist schon fast tragisch, dass er das, was ihm weiterhelfen könnte, bedingt durch seine Erziehung/Umfeld verachtet. Nicht umsonst spricht man davon, dass Menschen einen blinden Fleck haben.

Das, was man (in seiner Umgebung) nicht hat, kann man nicht sehen. Da kann man noch so sehr suchen. Wer direkt vor einem Baum steht, wird den Wald nicht sehen. Da kann er zehnmal um den Baum laufen. Wenn er seine Blickrichtung nicht ändert, wird er immer nur diesen einen Baum sehen.

Ok… der letzte Abschnitt war eventuell ein wenig zu abstrakt. Zurück zur Frage:

Was würde ich jemanden raten, der ohne Liebe aufgewachsen ist:

Du bist der Durchschnitt der 5 Menschen, mit denen Du die meiste Zeit verbringst.

Wenn es in Deinem Umfeld keine Liebe gibt, dann brauchst Du eben ein anderes Umfeld. Das heißt nicht, dass man all seine Freundschaften über den Haufen werfen muss. Sondern damit ist gemeint, sich mal einem total anderem Umfeld zu stellen. Ganz nach dem Motto, wer nach Kuh riechen will, der hält sich am besten regelmäßig für ein paar Stunden im Kuhstall auf, melkt die Kühe und mistet mit aus (d.h. man integriert sich in die Umgebung).

Welche Umgebungen bieten sich an, um Liebe zu erfahren:

Soziale Arbeit: 

Es gibt genügend Menschen, die Hilfe benötigen und sich für diese sehr dankbar zeigen. Nein, damit ist keine finanzielle Dankbarkeit gemeint. Sondern ich meine jene Dankbarkeit, die unbezahlbar ist: Liebe und Anerkennung. Wem geht nicht das Herz auf, wenn man mit einem kleinen Kind spielt und es einen vor Freude herzerwärmend anlächelt und voller Begeisterung kreischt?

Solche Momente bleiben in Erinnerung. Das dürfte schlichtweg daran liegen, dass sie mit Emotionen untermauert sind und damit in unserem Herzen verankert sind. Gut… nicht jeder Mensch kreischt… Aber… jeder der dankbar ist, will etwas zurückgegeben und sei es nur, dass er dafür sorgt, dass der andere sich geliebt und anerkannt fühlt.

Emotionen erkunden: 

Menschen, die sich lieben, wollen sich nah sein. Wir nehmen unsere liebsten in die Arme und drücken sie fest an uns. Leute, die Probleme mit Nähe haben, fühlen sich nicht selten ungeliebt. Was liegt da also näher bei „Liebesmangel“ wieder die Nähe zu anderen zu suchen?

Nun… in emotional kühlen Kulturen wie bspw. Deutschland gehört eine gewisse Distanz zu kulturellen Norm. Die lässt sich nicht so einfach aufbrechen. Man schau sich nur einmal an, wie schwer es in Deutschland ist, die Free-Hug Angebote an den Mann zu bringen…. Aber es gibt dennoch Möglichkeiten.

Tanzschule besuchen: 

Tanztee war früher mal eine große Sache. Heute belächelt man das gern. Allerdings ist der Besuch einer Tanzschule mit die einfachste Möglichkeit, in einem Menschen nahe zu kommen und sich gemeinsam zumindest auf den Takt der Musik einzulassen. Und… wenn es mit dem Takt anfangs vielleicht nicht so klappen will, dann sorgt das für Humor und Tanzlehrer sind meist Profis genug, auch den ungeschicktesten Füßen die Schrittfolge beizubringen.

In eine herzliche Welt reisen: 

Erinnerst Du Dich an das obige Beispiel mit dem Kuhstall? Nun, wenn Du nach Liebe riechen willst, dann begebe Dich einfach in eine Gegend in der Liebe, Emotionen und Lebensfreude eine Selbstverständlichkeit sind. Lateinamerika ist dafür ein hervorragendes Terrain. Da bekommt selbst eine kühle deutsche Seele mit, was auf der Skala nach oben in Sachen Herzlichkeit und Brüderlichkeit noch so möglich ist. Und danach wird man auch verstehen, warum die Deutschen in genau diesem Teil der Welt als sehr unterkühlt wahrgenommen werden. Sobald man es mal begriffen hat, wird man herzlich drüber lachen können und sich einer neu hinzugekommenen Facette in seinem Leben freuen können.

Der beste Freund des Menschen: 

Hunde werden nicht von ungefähr als die besten Freunde des Menschen bezeichnet. Selbst völlig verzagte Seelen vermögen es, diesen Wesen gegenüber ihre Herzen zu öffnen (denn hier wissen sie, dass sie absolut nichts zu befürchten haben). Hunde sind schon klasse. Noch besser ist es natürlich, wenn man dies gegenüber anderen Menschen auch einmal hinbekommt.

Kauf Dir eine Gitarre: 

Ein Großteil der Lieder dreht sich um die Liebe. Die schönsten Balladen werden oftmals genau den Musikern geschrieben, denen das Herz auseinander gerissen wurde. Musik kann prima dabei helfen, seine Emotionen zu verarbeiten und sie so auszudrücken, dass die Schwingungen sofort das Herz berühren.

Hand auflegen: 

Tanzschule ist nicht unbedingt Jedermanns Sache. Aber es gibt zahlreiche weitere Alternativen Menschen nahe zu kommen. Einfach mal eines der vielen Kursangebote annehmen, bei denen es darum geht, sich gegenseitig die Hand aufzulegen. Reiki schimpft sich das auf Neudeutsch. Den ganzen Heilkrams muss man nicht unbedingt glauben. Aber… man legt sich halt gegenseitig die Hände auf den Körper und es wird damit mitunter an einigen Stellen sehr angenehm warm. Es ersetzt noch keine Umarmung, ist aber schonmal ein Schritt in die richtige Richtung, um andere Menschen näher an sich heran zu lassen.

Therapie:

Zu einem Psychologen zu gehen, war in Deutschland lange Zeit ein Tabu. Im Zeitalter von Burnout und Depressionen erkennt man jedoch zunehmend, dass so Psycho-Krams vielleicht doch etwas ganz Gutes sein kann. Ein Psychologe wird das eigene Umfeld nicht verändern können. Allerdings sollte es durchaus gelingen, in einer Therapie einen anderen Blick auf das eigene Leben zu bekommen. Das perfide ist oftmals, dass wir unser eigenes Leben für ganz normal und auch noch richtig halten. Dabei entgeht uns natürlich völlig, was der eigentliche Standard für „normal“ ist. Wer in seiner Kindheit immer geschlagen worden ist, findet das nicht unbedingt gut, hält es aber für normal und findet dafür Bewältigungsstrategien. Was bleibt einem auch übrig, wenn man nichts anderes kennt…. Wie heißt es so schön: Einsicht ist der beste Weg zur Besserung.

Zu guter Letzt: 

Niemand kann wirklich wissen, wozu man lebt und wie lange man leben wird. Aber… es kann wohl kaum Sinn des Lebens sein, dass man unglücklich ist. Solange etwas im Leben fehlt, wird man nicht ausgeglichen und in sich ruhen können. In diesem Sinne: Carpe Diem und verbinde Dich mit Deinen Mitmenschen.

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