Welche Erfahrungen hast Du in einem Assessment Center gemacht?

Meine Teilnahme an einem Assessment Center war ein einmaliges Erlebnis, das mir selbst 20 Jahre später in bester Erinnerung geblieben ist. Heute würde ich so eine Veranstaltung wohl in das Kapitel „Escape-Room“ einstufen.

Das Gruppen Assessment-Center (AC)

Mein ersten Arbeitsvertrag hatte ich bereits unterschrieben, als mein Telefon klingelte. Es war eine Unternehmensberatung, bei der ich mich vor ein paar Wochen unverbindlich für ein Netzwerkfrühstück angemeldet hatte. Das hatte ich aufgrund von starken Kopfschmerzen jedoch versäumt. Man könnte auch sagen, mein Hirn war etwas bierdünstig…

Mit dem Anruf hatte ich nicht gerechnet, ebensowenig wie das spontan auf englisch durchgeführte Interview. Ich schlug mich wohl wacker und wurde direkt nach dem Gespräch zu einem Assessment-Center eingeladen. Veranstaltung sollte bis zu zwei Tage dauern und inkl. Verpflegung sein. Letztgenannten Punkt fand ich als Noch-Student durchaus reizvoll.

1. Ablauf

Das AC war als Gruppenplanspiel aufgebaut. Jede der aus 5 Personen bestehenden Gruppen steuerte in diesem Spiel ein Unternehmen. Im Spiel standen alle Gruppen direkt miteinander in Konkurrenz.

Jede Gruppe erhielt einen Katalog, der alle Formeln des Spiels enthielt. Darin stand bspw. dass der Absatz sich um 5% erhöht, wenn man die Marketingausgaben um 10.000 EUR im Monat steigert. Es waren so viele Formeln, dass es unmöglich war, da irgendwie durchzusteigen.

Am Ende jeder Spielrunde musste jede Gruppe ihre Werte für Marketingausgaben, Anzahl Mitarbeiter, Investitionen usw. abgeben. Die wurden dann in einen Computer eingegeben und dann die Marktposition einer jeden Gruppe berechnet.

Am Anfang jeder weiteren Runde wurden allen Gruppen ihre Marktposition sowie Veränderungen der Rahmenbedingungen mitgeteilt. Jede Gruppe hatte dann wieder die Aufgabe, neue Werte abzugeben, um das Spiel nach insgesamt 5 Runden zu gewinnen.

2. Skurille Welt

Für mich war das ganze nur ein Spiel. Wäre klasse gewesen, wenn es dazu noch das eine oder andere Bier gegeben hätte. Gabs leider nicht, was mir vor allem für die anderen Leid tat.

Denn in den Gruppen ging es ziemlich verbissen zu. Es herrschte ein unstillbarer Drang, sich zu profilieren. Zum Glück gabs Kekse. Die habe ich geknabbert und das Treiben auf mich wirken lassen. Meine Stimme erhob ich nur dann, wenn es selbst für mich mal zu bunt wurde.

3. Aussortieren

Am Ende des ersten Tages wurde ich zusammen mit ca. 40% der Teilnehmer in einen separaten Konferenzraum gebeten. Die Stimmung war gedrückt. Alle gingen davon aus, dass das AC für uns nun zu Ende sei.

Man eröffnete uns, dass wir noch ein Abendessen bekommen. Fand ich klasse. Danach erklärte man uns, dass es morgen für uns weitergeht. Das war dann doch ein Überraschung.

4. Die Beurteilung

Der zweite Tag war für mich der reinste Horror. Ich hatte in der Nacht kaum Schlaf bekommen. Es standen nun Präsentationen und kritische Gruppeninterviews im Vordergrund. Allerdings gab es auch hier wieder ein massives gegeneinander ausstechen.

Hatte nicht wirklich Lust darauf und wollte eigentlich nur noch nach Hause. Entsprechend dynamisch habe ich meinen Kaffee getrunken, um zumindest bis zu Abreise mit dem Zug noch irgendwie wach zu bleiben.

Am Ende gab es noch ein kleines Highlight. Jeder bekam eine wissenschaftlich fundierte Beurteilung. Zumindest wurde sie als solche verkauft. Ich staunte, welche Talente man bei mir ausgemacht hatte.

Über meinen Performance-Einbruch im Verlauf des zweiten Tages war man besorgt. Damit konnte ich jedoch leben. Seitdem weiß ich, dass Unternehmensberatungen wohl eher nichts für mich sind.

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