Wie ich einen Fremden vor Stolz zum Weinen brachte

Ich war für ein paar Tage in Manchester. Da es recht windig war, entschied ich mich, zur Abwechslung mal ins Museum zu gehen. Ist eigentlich nicht so mein Ding. Bin lieber in den Straßen unterwegs wegen der interessanten Menschen und der Atmosphäre. Das ist genau das, was für mich die Magie einer Stadt ausmacht. Aber… Wissenschaft finde ich auch ganz cool. So entschied ich mich dann fürs Science Museum.

Kaum hatte ich den Eingang des Museums passiert, wurden meine Augen feucht. Da stand so ein riesiger Apparat mit lauter Verkabelungen. „Wow… sieht aus wie ein ENIAC. Da fragste gleich mal bei einem der beiden älteren Herren am Stand nach“

Gesagt getan.

„Nein, das ist kein ENIAC. Das ist das Manchester Baby

„Aha…“ entgegnete ich.

„Woooow, wie krass ist das denn???“ wie ein Kind vorm noch verpackten Weihnachtsgeschenk stand ich vor dem Wunderwerk der Computergeschichte. Der ältere Herr ergriff seine Chance, mir die magische Kiste näher zu bringen.

Er erklärte mir alles in einer messerscharfen Präzision. Da war kein „äähm“, kein Zögern, keinerlei Ungenauigkeit oder Schwammigkeit in seinen Ausführungen. Er sprach schnell und schlüssig, machte nach seinen Blöcken immer eine kurze Pause. Mir schien es, als wollte er abprüfen, ob ich ihm folgen konnte.

Zu meinem Erstaunen konnte ich das erstaunlich gut. Es war nicht die Logik allein, die mich all das recht gut verstehen ließ. Irgendwie kam mir die Art und Weise, wie er Dinge erklärte vertraut vor. Mir wurde fast unheimlich, als mir mein Hirn zu all seinen Erklärungen auch noch konkrete Beispiele lieferte.

Er zeigte mir die Williamsröhre. Sie war das Kernelement des Arbeitsspeichers und ähnelte einer alten Fernsehröhre. Er erklärte mir dann etwas von elektrischen Ladungen an der Oberfläche der Bildröhre. Diese würde sich nach einer gewissen Zeit abbauen und dass die Speicherwerte zyklisch nachgeschrieben werden müsste.

Als er wieder eine seiner Lernzielkontrolle-Pausen machte, plapperte es aus meinem Mund: „Aaah ja, die Röhre leuchtet nach und dass mit den Zyklen ist wie beim Refresh mit dem DRAM“. Ich wusste nicht, was ich da gerade gesagt hatte. Es kam einfach so aus mir heraus. So als hätte jemand einen Knopf gedrückt, der tief verborgenes Wissen mal eben so freisetzte.

Nach kurzer Überlegung meinte er „Ja, dieses Prinzip wurde beim DRAM übernommen“. MeinAntwort beeindruckte ihn. Für mich war das ganze eher unangenehm. Kam mir vor wie ein kleiner Klugscheißer, der gerade vom Großmeister steht.

Als er mit seinen Erklärungen fertig war, wollte er wissen, was ich beruflich mache.

„Ich bin im Einkauf tätig und hab mit so Elektronik und Computerkrams eigentlich nix zu tun.“

Stille… Und ein großes Fragezeichen im Gesicht des alten Mannes…

„Aber ich hatte als Kind – so vor 35 Jahren – mal einen Kosmos Elektronikkasten. Da waren die elektronischen Bauelemente auf so Platten gelötet. Man konnte damit auf einem Raster die Schaltungen zusammenstecken. War auch ein prima Buch dabei, das alles erklärte. So Disney-mäßig mit einer Comic-Glühbirne. Habe damit dann u.a. FlipFlop* Schaltungen gebaut“.

Bäääääm!!!

Um den alten Mann war es schlagartig geschehen. Mit aufgerissenen Augen schaute er mich an. Er kämpfte damit, seine Tränen zurückzuhalten. Es war ein harter Kampf.

„Welche Farben hatten die Platten?“ wollte er ganz aufgewühlt von mir wissen.

„Ich glaube so gräulich… kann mich aber im Detail nicht mehr daran erinnern.“ antwortete ich so vorsichtig wie nur möglich. Irgendwie war das ganze für ihn ein emotional sehr stark besetztes Thema und ich hatte noch keine Ahnung warum.

„Ich habe früher genau solche Bausätze für Kinder entwickelt und auch die Bücher mit den Comic Figuren dazu geschrieben. Die wurden vielfach kopiert. Bei meinen Bausätzen waren die Platten blau.“

WAHNSINN….

Ich begriff auf einmal, warum mir die ganze Materie irgendwie vertraut war.

Der alte Mann begriff, wie gute seine Bausätze und Erklärungen waren. Ihm war es damals ein Anliegen, Kindern die Computer-Technik spielerisch zu vermitteln. Bei mir hat es offenbar ganz gut funktioniert 🙂

Last but not least…

Aus reiner Neugier habe ich nach meiner Rückkehr recherchiert, was der Unterschied zwischen DRAM und SRAM ist. Zu meinem Erstaunen sind die oben erwähnten FlipFlop-Schaltungen die Grundlage des SRAM.

Da hat der alte Kautz mir als Junge schon in Grundzügen erklärt, wie ein SRAM funktioniert und ich habs nicht mal mitbekommen. Das nenn ich mal spielerisches Lernen…

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